Killerspiele

7. April, 2009 at 09:59 | In neu | 8 Comments
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Sie sind bekanntlich an allem Schuld. Egal ob U-Bahnschubser, (gefilmte) Schulgewalt, Amokläufe oder schlechte Noten -Killerspiele sind die Übeltäter und das ist für die meisten Politiker, Eltern und selbsternannte Experten meist schon vorher klar.

Das ist natürlich auch viel Naheliegender und seriöser, als langwierige Untersuchungen der äußeren und inneren Umstände zu führen. So wundert es sicherlich Niemanden mehr, dass auch nach den grauenhaften Geschehnissen in Winnenden die Schuld allein bei Call of Duty und Counter Strike zu suchen ist und nicht etwa bei den Waffen, der Munition, dem Umfeld oder irgendwo anders. Alles Quatsch, schließlich weiß doch ein jeder halbwegs verdummte Mitteleuropäer das Killerspiele in Wahrheit viel mehr Einfluss auf die jungen Menschen haben als alle anderen Faktoren zusammen.

Das sieht natürlich auch der bayerische Innenminister Herrmann von der CSU so und tut das dummerweise eben auch noch lauthals kund, wie hier zu lesen ist.

Er geht damit aber sogar noch weiter als es sich die Meisten seiner Kollegen trauen würden und schmeißt die bösen virtuellen Spielwelten gleich mit Drogen und Kinderpornografie in einen Topf. Richtig so, Herr Herrmann. Gut das das endlich mal jemand tut.

Nur was schlagen Sie als Lösung für diese Problemlage vor? Präventive Inhaftierung von Jedem, bei dem man Fragmente von CS und Co. auf der Festplatte findet? Oder lieber gleich Erziehungslager mit grausam familienfreundlichen, dauergrinsenden Spaßspielchen auf der Wii und dem Nintendo-DS? Medientechnische Gehirnwäsche sozusagen, denn die funktioniert ja auch im Fernsehen prächtig. Oder glauben Sie etwa, dass ein Format wie Big Brother bei nicht sozialisierten Völkern im Regenwald auch ankommen würde? Nein, da steckt intensivste jahrhundertelange mediale Verblödung dahinter mit dem alleinigen Ziel irgendwann die Menschheit auch mit kostengünstigen Testbildchen, natürlich unterbrochen von Werbeeinblendungen, befriedigen zu können. Und manchmal – das sage ich ganz ehrlich- hab ich das Gefühl, dass bis dahin gar nicht mal mehr so viel Zeit vergehen könnte.

A propos Fernsehen. Hat schon einmal jemand das durchschnittliche Programm der öffentlich-rechtlichen und Privatsender auf Gewalt hin überprüft? Da werden gleich frühmorgens in den grandiosen Telenovelas und Soaps fleißig Gifte angerührt, Messer gezückt und Blumentöpfe geworfen.
Später in den streng investigativen Nachrichten geht es dann natürlich um die neusten Dramen und Tragödien des Tages. Man wird manchmal das Gefühl nicht los, dass die zuständigen Redakteure sich über jede Katastrophe freuen, damit sie ihr Publikum nicht jeden Tag mit dem furchtbarsten aller medialen Auswüchse quälen müssen – dem sogenannten Help-TV a la Nanny, Schuldnerberater, Haus-In, Aus und Umräumer.

Doch zurück zu den Killerspielen. Schnell steht jetzt fest, was zu tun ist. Verbieten, abschaffen, natürlich. Pfeift auf stärkere Waffenkontrollen und die strikte Trennung von Munition und Waffen, nein, verbietet die Killerspiele. Die hat man schließlich bei den Ermittlungen auch als erstes gesucht und gefunden, noch bevor irgendein anderer Umstand bekannt war.

Nur ob es das wirklich bringt? Man weiß es nicht. Niemand tut das. Denn waren Kinder und Jugendliche vor 20, 30 oder 50 Jahren etwa friedlicher, ausgeglichener, weniger impulsiv und gewaltbereit als heute? Haben sich nicht eigentlich schon immer Jungs beim Spielen mit Stöcken und Steinen vermöbelt oder auf dem Schulhof um Nichtigkeiten die Rübe eingeschlagen? Wenn nicht, dann kenne ich die falschen Erwachsenen oder die lieben Experten wollen sich einfach nicht mehr an ihre eigenen Geschichten erinnern, die häufig noch viel dunkler sind, als es jedes Killerspiel überhaupt sein könnte.

Doch was soll es, schließlich hat man medienwirksam und dunkeldeutsch eine Diskussion angeheizt, die von den eigentlichen Ursachen glänzend ablenkt. Denn wer einmal ein wenig nach den Ursprüngen des Wortes Amok oder der Geschichte derartiger Verbrechen in den Weiten des Netzes stöbert, der wird sehr schnell fündig werden und auf 100% killerspielfreie Vorfälle vor mehr als 100 Jahren stoßen.

Viel Spaß beim Informieren.

8 Kommentare »

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  1. besonders bizarr war ja was nach dem Amoklauf abging, ein paar Wochen später.
    Da hat man doch eine Veranstaltung in der Nähe Stuttgarts abgesagt aus Druck der Politik, bei dem eine CS Lan geplant war. Natürlich wegen der Ereignisse in Winnenden. 2 Tage später fand in Stuttgart dann die größte internationale Waffenmesse statt.
    Warum man die nicht verboten hatte?
    ganz einfach da hatte die Politik angeblich keine Entscheidungsgewalt drüber. Jaja…

  2. Danke Robby, das wusste ich selbst noch nicht um ehrlich zu sein.
    Naja mal schauen, wie die Russen heute reagieren nachdem ihr Polizist Amok gelaufen ist. Sicher lässt sich da auch zügig CS auf den Rechner spielen um einen Verantwortlichen zu finden.
    Oder sollten die Russen dann vielleicht doch nicht ganz so naiv sein wie wir? Mal sehn.

    Maik

  3. oder noch schlimmer, hat doch vor kurzem mal so ein CSU Politiker gemeint, das der Besitz von Killerspielen auf eine Stufe mit Kinderpornographie und Drogenbesitz gestellt werden sollte.

    hier: http://www.heise.de/tp/blogs/6/135602

    klasse, ein Großteil der Jugendlichen in Deutschland ist also in Augen unser Politiker kriminell…

    übrigens hier das mit der Waffenmesse:
    http://www.heise.de/newsticker/Computerspiel-Wettbewerb-in-Nuernberg-faellt-aus–/meldung/136712

  4. Robby? Liest du etwa nicht ganz richtig? Ich bezieh mich da oben genau auf diesen netten Herrn von der CSU… Trotzdem danke nochmal für die Links…

    Naja man ist ja geneigt es ihnen nicht mehr übel zu nehmen. In der CSU, Bayer, was soll man dann noch dazu sagen?

    Zu dem mit der Waffenmesse: Kein Kommentar. Aber zugegeben, es erinnert ein wenig an „bowling for columbine“. Damals war ja auch Herr Manson an Allem Schuld, nicht wahr?

    Maik

  5. ohh tschuldigung, ja das hab ich gestern gelesen und heut bei Kommentarschreiben natürlich nicht mehr gewusst was du eigentlich geschrieben hattest, blödes Kurzzeitgedächtnis.
    Das Problem ist ja das diese Politiker noch nie im Leben ein Videospiel gepielt haben. Ich versteh die ja fast das die ein moralisches Problem haben wenn da auf dem Bildschirm einer stirbt, während für uns die damit erfahrung haben, wir wissen das da nix passiert, sondern nur ein paar Pixel vom Bildschirm verschwinden und einige andere Pixel rot werden (Blut).
    In dem fall könnte man natürlich sagen, wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.
    Denn was der da von sich gegeben hat ist wirklich weit entfernt von jeglicher Realität.

  6. Das mit dem „Wenn man keine Ahnung hat…“ wäre wirklich für viele Politiker und auch den BuPrä etc. ne prima Sache. Dumm nur, dass die dann meist garnichts mehr zu sagen hätten.

    Das ist ein bisschen wie die Floskel „leistungsgerechte Bezahlung“. Hätten wir die, hätten wir Millionen 1€-Jobs mehr.

    Maik

  7. 1 € wäre ja noch gut, aber was machst du mit den bankmanagern die paar Millionen vernichtet haben?
    da geht die leistungsgerechte Bezahlung ja dann soweit, das die nix bekommen sondern eher noch nachzahlen müssen…

  8. Das ist ja auch so ein Unding. Denn genau dafür gibt es ja Aufsichtsräte, firmeninterne Regelungen, Aktiengesetze etc. Nicht zuletzt regeln die ja auch die Zahlungen an die Manager selbst. Mit der Regierung und Gesetzen, Maximallöhnen etc. hat das ja überhaupt nichts zu tun.

    Wenn es also die Gremien und Räte in den Firmen/Banken etc. nicht schaffen oder es sich nicht trauen den Managern selbst auf die Finger zu klopfen, dann sollen es plötzlich Angela und Co. regeln? Nein, so geht es nun auch nicht.

    Ich sag mal ganz dreist und menschlich, das ich die Manager verstehen kann. Denn wenn dir für Mist bauen das Geld angeboten wird, müsstest du schon ein sehr guter Mensch sein, um es nicht zu nehmen. Da ist es mit dem Ehrgefühl nicht so weit und ich weiß auch nicht, ob ich das bei den Beträgen noch hätte.

    Stell dir einfach mal vor du baust gehörigen Mist auf Arbeit und anstatt Anschiss winkt der Chef mit ner ordentlichen Prämie… Sagst du dann: „Nein danke, das hab ich nun wirklich nicht verdient.“ Oder grinst du lieber und steckst es ein? Gier? Verrohung? Kann man sehen, wie man will.

    Maik


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